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Questioning the View, Neil Levine 1991

Seaside, Florida, ist eine der ersten Gemeinden Amerikas, die nach den Grundsätzen des New Urbanism konzipiert wurde. Diese städtebauliche Bewegung entstand in den 1980er Jahren in den Vereinigten Staaten als Kritik an den modernistischen Planungstechniken, die von den theoretischen Modellen von Leon Krier und der Mustersprache von Christopher Alexander beeinflusst waren. Das einflussreiche Seaside war bei Architekten, Planern, Umweltschützern und sozialengagierten Bürgern Gegenstand heißer Debatten, wurde aber vor allem als Hauptdrehort der Truman Show (1998) bekannt.

Neben Rosemary Beach und Alys Beach ist Seaside eine der drei Gemeinden, die von den in Miami ansässigen Architekten und Driehaus-Preisträgern Andrés Duany und Elizabeth Plater-Zyberk (DPZ CoDesign) an der Golfküste Floridas entworfen wurden. Das Gesamtkonzept für Seaside wurde 1985 fertiggestellt und Anfang der 1990er Jahre in die Tat umgesetzt Auflage ist, dass sich die Architektur der einzelnen Wohneinheiten von den anderen Gebäuden unterscheiden muss, wobei die Entwürfe vom Neo-Viktorianismus über den Neo-Klassizismus bis hin zum postmodernen Freestyle-Klassizismus reichen. Zu den Autoren der Gebäude von Seaside zählen die Architekten Leon Krier, Robert Stern, Steven Holl, Aldo Rossi und viele andere.

Das Buch „Seaside: Making a Town in America“ (Princeton Architectural Press, 1991), herausgegeben von David Mohney und Keller Easterling, dokumentiert die Entstehungsgeschichte dieses architektonischen Experiments. In diesem Buch findet sich einer der provokantesten Artikel über Fenster: Neil Levines „Questioning the View: Seaside’s Critique of the Gaze of Modern Architecture“ Levine nimmt das in Seaside geltende Verbot der Panoramafenster zum Anlass, um sich mit der Geschichte der modernen Architektur auseinanderzusetzen, angefangen bei der berühmten Debatte zwischen Le Corbusier und Auguste Perret, der Beziehung zur Kunst von Magritte und Duchamp, dem Blick der modernen Architektur und der Anwendung der „principles of the glance“. Questioning the View: Seaside’s Critique of the Gaze of Modern Architecture

(…) Wenn man von innen heraus hindurchschaut, gewinnt die Form eines Fensters besonders an Aussagekraft, denn im Bezug zum gesamten Körper des Betrachters verliert das Fenster für das Auge seine Transparenz Ein quadratisches Fenster stellt wahrscheinlich die größte Analogie zum Auge selbst dar. Zwei quadratische Fenster, eines auf jeder Seite einer Tür, bilden ein Gesicht oder, wie in Wrights Winslow House, eine Maske. Ein vertikal proportioniertes Fenster stellt eine übereinstimmende Beziehung zu dem vor ihm stehenden Körper her. Es ist kein Zufall, dass die Franzosen unser amerikanisches Schiebefenster als „Guillotine-Fenster“ bezeichnen. Das französische Fenster beginnt typischerweise am Boden, wie eine Tür, und kann daher als paradigmatischer Fall angesehen werden – eine Öffnung, durch die das Auge sieht, während sich der Körper mit ihm bewegt. (Als Marcel Duchamp die Scheiben eines französischen Fensters mit auf der Außenseite angebrachten Lederstücken verdunkelte, nannte er die Skulptur „Fresh Widow“.) Das vertikale Schiebefenster funktioniert wie eine Synekdoche, indem es die Rolle des Körpers beim Sehen auf seine obere Hälfte, den symbolischen Sitz des menschlichen Verstandes und der Intelligenz, verdichtet. Das horizontale Fenster hingegen hebt den Bezug zum Körper auf und bietet dem Auge allein ein distanziertes, abstrakteres Blickfeld. Diese Beziehung wurde im Laufe der Jahrhunderte durch die in der westlichen Kunst übliche Verwendung des Querformats für die Landschaftsmalerei verstärkt (die Vertikale ist dem Porträt vorbehalten). Während das vertikale Fenster den Körper in den Akt des Sehens miteinbezieht und damit eine kohärente Beziehung zwischen Innen und Außen herstellt, entfremdet das horizontale Fenster den Körper vom Akt des Sehens durch eine Transparenz (wie im Diapositiv), die die außenliegende Welt auf einen Blick reduziert. Die Absolutheit einer solchen Transparenz wird durch den Wegfall der Sprossen noch verstärkt, die bei den traditionelleren vertikalen oder quadratischen Fenstern stets die Körperlichkeit der Öffnungsfläche betonten. (…)

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